Wenn man vom Martin-Luther-Platz auf die St.-Aegidien-Marktkirche blickt, fällt auf, dass der mächtige Turm nicht so ganz zu der Kirche zu passen scheint.

Wir wissen, dass es etwa zur Hälfte des 12. Jahrhunderts zum Schutze des Marktes in der neu angelegten Siedlung einen Vogteiturm gegeben hat. Die dann Anfang des 13. Jahrhunderts erbaute 1. Stadtkirche ist vermutlich an diesen vorhandenen relativ mächtigen Vogteiturm angebaut worden.

Nach der baulichen Konstruktion erscheinen Turm und Kirche auch vom heutigen Eindruck her relativ unverbunden. Dieser Eindruck vermittelt sich am deutlichsten, wenn man aus dem Turminneren durch eine Maueröffnung den Dachboden betritt. Die zum Dachboden zeigende Mauerseite erscheint eindeutig als „Außenmauer“, und ist so wohl auch bei notwendigen Erneuerungs- oder Renovierungsarbeiten immer wieder hergestellt worden.

Die dann ab Anfang des 13.Jahrhunderts erfolgte Doppelnutzung des Turmes als Wachturm und als Kirchturm (Glockengeläut) hat bis zum heutigen Tag eine besondere Auswirkung bzl. des Besitzverhältnisses: der Turm gehört je zur Hälfte der Stadt Osterode und der St. Aegidiengemeinde.

Bautechnische Daten und Fakten:

  • Der Turm steht auf einer Grundfläche von 16,50 m x 8,00 m
  • Der Turm hat einschließlich Hahn eine Höhe von ca. 64,00 m
  • Die zum Teil aus Sösestein gebauten Grundmauern haben eine Stärke von ca. 3 m. Sie verjüngen sich nach oben, haben auf der Höhe des Durchganges zum Dachboden (auf ca. 20 m) immer noch eine Stärke von ca. 2 m.
  • Das alte mächtige Mauerwerk stammt sichtbar aus verschiedenen Zeiten. Vorhandene und zugemauerte Fensteröffnungen zeigen das besonders eindrucksvoll. An der zum Martin- Luther- Platz zugewandten Seite ist deutlich der ehemalige hochgelegene Eingang zu erkennen. Zu diesem Eingang gelangte man früher nur mit einer nach Innen einziehbaren Leiter, aus Gründen der besseren Verteidigung! An der südlichen Außenmauer befinden sich unterhalb des Turmaufbaues 3 Tafeln (Eisen, Stein) mit Jahreszahlen, die wohl auf die jeweilige Erneuerung hinweisen.
  • Bis hinauf zur Bläserstube (früher Wachstube) in ca. 40 m Höhe führt eine begehbare hölzerne Treppe mit 167 Stufen. Weiter geht es über einer Leiter in die Kammer mit den 2 Schlagglocken und der Internetanlage (Webcam), für Besucher nicht begehbar.
  • Zur Verbesserung der Statik sind die alten gemauerten Innenwände durch Betonwände ersetzt worden. Auch die diversen eingezogenen Maueranker-Verbindungen dienen der Haltbarkeit und Statik. Sie sind an den Turmwänden außen als Edelstahlkreuze sichtbar.
  • Der obere Holzturmaufbau wurde im Laufe der Jahrhunderte viermal verändert. Zweimal infolge von Brandschäden, einmal wegen zu starken Gewichtes. Der jetzige in Holzfachwerk ausgeführte Turmaufbau (Turmhelm) stammt aus dem Jahr 1951. Gebaut dank der Opferbereitschaft der Osteroder Bürger im Rahmen der „Aktion Turmbauhilfe“, nach einem Entwurf des Architekten Hans Stephan, dem Bruder der Schriftstellerin Hannah Stephan.
  • Der Verein „Turmbauhilfe“ wurde 1948 mit dem Ziel gegründet, einen neuen Turmaufbau zu finanzieren und letztlich auch zu bauen. Sammler gingen von Haus zu Haus und sammelten viele, auch kleine Spenden ein. Dadurch kam die damals beachtliche Summe von 60.200,00DM zusammen. Der Rest der Finanzierung wurde durch die Stadt mit 30.000,00 DM und durch die Klosterkammer mit 10.000,00 DM sicher gestellt. Nach der Bauzeit in den Jahren 1950-1951 wurde der Turmaufbau am 22.07.51. in einer Feier vom Verein an die Stadt übergeben.
  • Die notwendige neue Uhr finanzierte die Stadt zusätzlich.
Bei der Turmbesteigung werden gezeigt:

* Die ehemaligen Räume der Wohnung des letzten Türmers.
  • Das alte, von der Fa. Weule aus Bockenem 1950 gebaute mechanische Uhrwerk, von dem die schweren Gewichtsstücke zur Justierung in der „1. Etage“ hängen. Das Uhrwerk der nicht mehr in Betrieb befindlichen Uhr ist immer noch im intakten Zustand und nicht angerostet, bewirkt durch die gleich bleibende Temperatur und gute Luftzirkulation im Turm. Die Uhr könnte also jeder Zeit wieder in Gang gesetzt werden. Inzwischen wird die Turmuhr mit ihren 4 goldenen Ziffernblättern durch die Braunschweiger Atomzeituhr gesteuert.
  • In der Glockenstube kann unmittelbar per Hand und mit dem Gehör Kontakt mit den dort hängenden 3 Glocken des Läutewerkes aufgenommen werden. Für Besucher werden die Glocken mit einem Hammer angeschlagen.
  • Über steiler und enger werdende Treppen und durch Balkenwerk „kletternd“ erreicht man die ehemalige Wachstube, heute wegen der hier musizierenden Turmbläser Bläserstube genannt. Aus 6 Fenstern (die geöffnet werden können) erschließen sich herrliche Blicke über die Plätze, Straßen, Gassen und Dachlandschaften der alten Fachwerkstadt -ein besonderes Erlebnis in der „beleuchteten“ abendlichen Vorweihnachtszeit. Der Blick geht auch zu anderen ehemaligen Vogtei- und Wachtürmen innerhalb und außerhalb der Stadt, über die Gipsberge und natürlich in den Harz hinein.

Textbearbeitung:
© Dr. Heidrun Gunkel; Werner Harms und Helmuth Hendeß
Fotos
© Werner Harms und KG St. Aegidien


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Letzte Aktualisierung am 02.09.2019 12:18 Uhr
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